Osteopathie hat ihre besondere Anwendung ...

 

• bei Säuglingen nach Geburtsbelastungen und bei solchen mit asymmetrischem Muskeltonus, schiefem Kopf, Schreikindern, bei Trinkstörungen und Bauchkrämpfen

• bei Kleinkindern und Schulkindern darüber hinaus mit Kiefergelenks- und Bißstörungen, Bewegungsstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Gelenk- und Rückenschmerzen, nach Unfällen und Operationen sowie bei 

Artikulationsstörungen und sonstigen Entwicklungsstörungen der Sprache.

• Versuche mit osteopathischen Methoden sind auch bei Verhaltensstörungen sinnvoll, da sich hinter derlei 

Sorgen nicht selten Tonusstörungen und Verspannungen verbergen. Solche Dysfunktionen werden manchmal 

als solche nicht wahrgenommen, können sich aber auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen erheblich 

auswirken.

Osteopathische Verfahren

Thema 1: Das schiefe und/oder das schreiende und/oder das trinkschwache Baby

 

Wir sehen in den Praxen fast täglich Säuglinge, die in Rückenlage eine asymmetrisch verspannte Stellung einnehmen. Manchmal, nicht selten, ist bereits das Köpfchen schief: der Hinterkopf auf der Lieblingsseite ist flacher als gegenüber, das gleichseitige Öhrchen ist ventralisiert, Stirn und Auge folgen dieser Richtung. Diese Form der Plagiocephalie nennen wir in der Osteopathie „Parallelogrammschädel“.

 

Babies mit Trinkstörungen und Störungen des Schlafrhythmus sind ebenfalls häufig verspannt. Wenn das Kind bei der Voyta-Reaktion asymmetrisch reagiert, wenn sich das Köpfchen in RL nur schwer in eine Richtung drehen lässt, in die Lieblingsrichtung aber gut, dann ist es fast schon sicher, dass eine osteopathisch behandelbare Dysfunktion vorliegt. 

 

Die erste und wichtigste Information an die Eltern in dieser Situation ist: bringen Sie Ihrem Kind die Bauchlage bei und sorgen Sie dafür, dass es die wachen Stunden so oft wie möglich in BL verbringt, auch für längere Zeit; bis zu 70 Prozent der Wachperiode, das wäre gut. Denn in BL hat es der Säugling leichter sich symmetrisch zu bewegen. Und die Bauchlage ist die Ausgangslage für die grobmotorische Entwicklung: Umdrehen, Krabbeln, Aufrichten, Laufen. 

 

Mit diesem Rat ist oft bereits alles gesagt. Wenn aber die BL nicht akzeptiert wird, die Befunde persistieren oder fortschreiten, dann kommt neben Physiotherapie die Osteopathie ins Spiel. Oft bahnt pädiatrische Osteopathie den Weg für eine erfolgreiche Physiotherapie, oft machen wir sie überflüssig, oft kann sie rascher beendet werden, als ohne unser Zutun. In schweren Fällen aber kommen wir ohne Physiotherapie nicht aus (am liebsten nach Voyta, weil hier genauer gegen die Asymmetrie behandelt werden kann). 

 

Ziel der osteopathischen und manualmedizinischen Intervention ist es, hypomobile Gelenkverbindungen zu lockern und Spannungsschmerzen der umgebenden Muskulatur zu beheben. Dies geschieht durch weiches Auseinanderziehen der Gelenke, hier besonders im Bereich der Kopfgelenke und durch möglichst segmentale Mobilisation. Begleitend werden die noch beweglichen Teile des Kopfes mit Impulsen gegen die Asymmetrie dazu angeregt, ihre ideale Position wieder einzunehmen. Die Erfolge sind oft überraschend gut. In der Regel können bleibende Asymmetrien vermieden werden und eine Helmtherapie erübrigt sich.

 

Oft ist die osteopathische Expertise darüber hinaus hilfreich bei der Exploration anderer  Fragestellungen osteologischer und orthopädischer Art. Der behandelnde Kinderarzt/ Orthopäde o.ä. bekommt immer eine schriftliche Rückmeldung.

 

 

Ich benötige für die Therapie keine ärztliche Erlaubnis (dieses Privatrezept, auf dem steht, dass Kontraindikationen nicht bestehen), weil ich selbst Kinderarzt bin und daher autorisiert, die  Risikolage und die Indikation zu beurteilen. Eine ultrakurze pädiatrische Einschätzung (z. B. auf einem Rezeptformular oder einer Überweisung) aber wäre aus medizinischer Sicht hilfreich.

 

 Thema II: Intercostalneuralgie

 

In unsere Praxen kommen manchmal Schulkinder, die über Schmerzen in der Brust klagen. Der Schmerz dauert meist schon ein paar Tage, manchmal auch Wochen. Oft wird er auf einen Intercostalraum seitlich des Sternums projiziert. Aber auch weiter seitlich oder sogar dorsal können die Beschwerden lokalisiert werden. Wir benennen solche Beschwerden meist als Intercostalneuralgie und gehen darüber zur Tagesordnung über. 

 

 Ganz falsch ist ein abwartendes Verhalten nicht, denn einerlei, ob es sich tatsächlich von der Ursache her um eine Neuralgie handelt, oder um eine Rippendysfunktion, die Prognose ist gut. Oft aber dauert das Beschwerdebild Wochen bis Monate und diese Zeit kann abgekürzt werden. 

 

 Wir finden bei der speziell osteopathischen Untersuchung in solchen Fällen nicht selten eine Bewegungsstörung im Bereich einer oder mehrerer Rippen. Sie kann traumatisch bedingt sein, z. B. durch Rempeleien beim Sport oder in der Freizeit, oder durch asymmetrischen Zug der Muskulatur der Thoraxwand. In der Folge kann es zu diversen Störungen der Rippenbeweglichkeit kommen: Ein Festhaken in Inspirations- oder Expirationsstellung, Spannung im Bereich des Rippenknochens, eine Subluxation des Costo-Transversalgelenkes. 

 All diese Störungen  können wir osteopathisch beseitigen und  den Patienten in 1-2 Sitzungen zu völliger Beschwerdefreiheit verhelfen. 

 

 Thema III:  Voyta

 

Manchmal werde ich mit der Aussage konfrontiert, dass Physiotherapie, besonders die nach Voyta, den Kindern häufig weh tue, also eigentlich nicht zumutbar sei. 

 

Richtig ist, dass viele Kinder bei der Therapie nach Voyta unzufrieden sind und schreien. Das aber passiert auch bei der Bobath - Therapie, wenn auch nicht so häufig, zugegeben. Aber auch da müssen die Säuglinge richtig arbeiten, wenn es helfen soll. 

 

Bei der Voyta-Therapie werden dem Kind keine Schmerzen zugefügt, der Säugling wird lediglich in eine bestimmte Zwangslage gebracht, aus der er sich versucht herauszuwinden. 

 

Die dabei wirkenden Kräfte stärken selektiv bestimmte Muskelgruppen, die der Aufrichtung und der Symmetrie dienen. Das ist für das Kind anstrengend, aber sehr effektiv. 

 

Ich habe schon wahre Wunder erlebt, wenn die Voytatherapie gut gemacht wird. Und traumatisiert worden ist bisher keines meiner kleinen Patienten. Gleich nach Therapieende lachen die meisten sofort wieder. Und es ist einfach so: viele schiefe Kinder sind gleichzeitig zu schwach und brauchen nach der osteopathischen- dringend auch Physiotherapie. 

Thema IV: Craniomandibuläre Dysfunktion

 

 

Nicht wenige von Ihren Patienten sind in Behandlung bei Kieferorthopäden.  Meist erst, nachdem der Zahnwechsel vollständig abgeschlossen ist.  Bis zu 70% aller Kinder sollen - aus kieferorthopädischer Sicht - unter Fehlstellungen von Kiefer und Zähnen leiden. 

 

Solche Patienten müssen sich langwierigen und für das Selbstbewusstsein oft schädlichen Prozeduren aussetzen. In der Regel werden die Zähne verklammert und zwar so, dass sie  in unphysiologischer Weise sich nicht mehr gegeneinander bewegen können. Die Folge sind oft Kopfschmerzen und Schwindel. 

 

Soweit muss es nicht kommen. Werden Kieferanomalien bereits in der späten Kleinkindzeit erkannt (U8 und U9), dann ist es oft möglich durch osteopathische Maßnahmen zu helfen. Wir sorgen für Spannungsausgleich im Bereich der Kaumuskulatur. Über diesen Weg gelangen wir zum Tonusausgleich zwischen beiden Seiten, und dadurch wiederum zu Symmetrie. Wenn osteopathisch allein nicht geholfen werden kann, stehen dynamische Schienen zur Verfügung, die - unter gleichzeitiger osteopathischer Therapie - Statik und Dynamik des Patienten harmonisieren und so zu einem symmetrischen Kiefer- und Zahnbild führen. Diese Technik beherrschen einige Kieferorthopäden. Zahnextraktionen sind hierbei nur ganz selten indiziert. Und die bekannten Brackets fast nie.

 

 

Also: Wenn die Zähnchen oder der Kiefer schief sind, auch wenn der Befund gering ist: Sie können Ihrem Patienten eine Menge Leid ersparen, wenn Sie frühzeitig einen kundigen Kinder-Osteopathen einschalten….

 Thema V: Der akute Schiefhals

 

Manchmal, aber ganz selten, sehne ich mich nach meiner ehemaligen Tätigkeit in der Kinderarztpraxis. Da kamen sie immer wieder einmal, die kleinen Jungens oder Mädchen, die seit dem Vormittag plötzlich die HWS nicht mehr bewegen können, weil sie schmerzt, ganz plötzlich und zwar seit einer „falschen“ Bewegung bei der Morgentoilette, z. B. Zähneputzen ist ein beliebter Grund.

 

Der kann sich nicht mehr bewegen, heißt es dann. Wir verschreiben in diesen Fällen Ruhe, Wärme und Ibuprofen in hoher Dosis für 24 Stunden. Dann ist der Spuk in der Regel vorbei. 

 

Immer wieder wird in der Literatur davor gewarnt, mit der akuten HWS-Dysfunktion allzu sorglos umzugehen. Vor allem das Grisel-Syndrom komme als Differentialdiagnose infrage. 

 

Ich selbst habe so etwas nur ein einziges Mal gesehen, und zwar in der Klinik: Akute Schmerzen der HWS nach einem HNO-Infekt. Hier liegt ein Knochenschaden vor, der parainfektiös entsteht. Dessen Therapie ist langwierig und sollte auf keinen Fall durch manuelle oder Physiotherapie ergänzt werden. 

 

 

Der akute Schiefhals aber ist an sich harmlos, wenn auch recht unangenehm. Osteopathisch und manualmedizinisch haben wir bei dieser Indikation ein paar Pfeile im Köcher: Vorsichtige Lagerung, Dehnung und Detonisierung der HWS-Muskulatur, ggf. kombiniert mit allgemein detonisierenden Manipulationen, wie der Atlastherapie nach Arlen.

 

 

 Thema VI: Kopf- oder Bauchschmerzen

 

 

Es gibt Leichteres zu heilen, als das Leiden kleiner Patienten, deren Eltern schon im Kleinkindalter, aber vor allem bei Schulkindern beobachten, dass die Tochter oder der Sohn offensichtlich unter Kopf- oder Bauchschmerzen leidet. Nicht selten kommen wir traditionell medizinisch in der Diagnostik weder anamnestisch noch diagnostisch so recht zum Ziel. Wir stellen Diagnosen wie „Spannungskopfschmerzen“, „funktionelle Bauchschmerzen“, „Schmerzverstärkungssyndrom“, Migräne. Technische Befunde sind in diesen Fällen meist befundlos. Der Leidensdruck bei den kleinen Patienten kann sehr heftig sein.

 

Aus osteopathischer Sicht kann bei solchen Kindern nicht selten effektiv geholfen werden. Echte Migränepatienten geben an, dass sie nach Behandlung seltener und weniger heftige Anfälle bekommen, bei Spannungskopfschmerzen können wir im dorsalen Faszienbereich nicht selten Spannungsfelder finden und auflösen. 

 

Bei Bauchschmerzen finden sich oft  Schmerzpunkte im Bereich des Iliopsoas, die auf unsere Manipulationen hin verschwinden. Aber auch ganz und gar unspezifische Spannungen z. B. im Beckenring, im Bereich der Viscera oder Dysfunktionen im Bereich der Kopfgelenke können ursächlich sein.

 

 

Es lohnt sich, solche Patienten osteopathisch vorzustellen. Osteopathische Interventionen sind eine echte weitere Option für solche Kinder. Im häufig erfolgreichen Fall können  unnötige Wege und aufwändige diagnostische sowie therapeutische Prozeduren erspart werden.. 

 

 

Thema VII: Der habituelle Zehenspitzengang

 

Nicht selten kommen Kinder in die pädiatrischen Praxen die meist oder immer mit dem Vorfuß auftreten, obwohl sie bereits souverän laufen gelernt haben. Sie  können oder wollen nicht über die Ferse abrollen. Eltern und Therapeuten haben oft den Eindruck, dass das Laufverhalten dieser Kinder eine schlechte Angewohnheit, eine Marotte ist.  Versuche mit Einlagen und Physiotherapie aber sind oft erfolglos. 

 

Wenn man genau hinschaut kann man bei einigen dieser Kinder erkennen, dass die mm. gastrocnemii verkürzt und die Achillessehnen zu lang erscheinen. Bei einigen Kindern sind auch die Streckmuskeln und die dorsalen Sehnen im Oberschenkel verkürzt, erkennbar in Form einer deutlichen Beugehemmung im Hüftgelenk.

Das Beschwerdebild unterscheidet sich signifikant von einer zentralen Spastik. Es besteht keinerlei Bewegungsstörung, keine Asymmetrie, die oberen Extremitäten sind nicht betroffen und eine begleitende kognitive Einschränkung kommt auch nicht vor. Pathologisch verstärkte Beineigenreflexe und Pyramidenbahnzeichen sind nicht vorhanden. 

 

Der habituelle Zehenspitzengang gehört behandelt. Er verformt auf die Dauer die Füße, die Vorfüße werden dick und breit. Er führt zu Kontrakturen der Sprunggelenke, die nur mehr schwer zu beheben sind, ganz abgesehen von den Hänseleien, denen die betroffenen Kinder ausgesetzt sind. 

Das Leiden ist genetisch bedingt. Es kommt familiär gehäuft vor, und die Genuntersuchung zeigt Veränderungen ähnlich denen bei den angeborenen herediätren Neuropathien. 

 

Die Therapie bedient sich manueller und osteopathischer Techniken. Sie hat die dorsalseitige Dehnung von Muskeln und Sehnen zum Ziel, sowie eine Gewöhnung an das Abrollen mit Hilfe von speziellen Einlagen. Die Einlagen werden nach Maß gefertigt.  Unter den distalen Metatarsalköpfchen befinden sich Pelotten in unterschiedlicher Höhe sowie unter der Ferse eine abgeschrägte Pelotte (Pyramideneinlagen). Physiotherapie allein ist in der Regel nicht wirksam und deshalb auch verzichtbar. 

 

 

Es gibt Fälle, bei denen selbst die Kombination aus osteopathischen und orthetischen Maßnahmen nicht (mehr) ausreicht. Für solche Kinder gibt es zwei weitere Optionen: die Injektion von Botulinustoxin in den Gastrocnemius und - im extrem seltenen Fall - die operative Verlängerung der Achillessehne. Beide Eingriffe sind in geübter Hand kein Hexenwerk.